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++++ Nordlicht Stipendium 2009 ++++
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September 09Beijing, China, Asien, das andere Ende der ErdeNun bin ich also dort und hier. Vor ziemlich genau einem Monat landete ich im Beijinger Sonnenaufgang. Nach einem 12-Stunden-Flug von Hamburg über Paris. Der eigentliche Beginn meiner großen Reise war Bad Doberan, eine Kleinstadt im Mecklenburger Nichts. Die Schule hatte ich grade beendet, mein Abitur in der Tasche. Folglich würde ich in diesem Jahr einen neuen Lebenskreis betreten, dass war seit langem klar. Wie sich dieser gestalten sollte allerdings weniger. Ich hatte den Traum, den Wunsch eines Auslandsjahres bereits in der 10. Klasse, dort fehlte allerdings die finanzielle Möglichkeit. Doch die Neugier, die Reiselust und die Idee blieb, wollte dann nach der Schule verwirklicht werden. Ich bewarb mich ein Jahr vor meinem Abschluss für Freiwilligen-, Friedens- und Behindertenarbeit in verschiedenen Ländern Europas und für das Nordlichtstipendium.
Meine Gedanken in der Zeit zwischen Stipendienzusage und Abflug verirrten sich aber selten bis nach China, viel zu sehr war ich mit Abitur und Abschied beschäftigt. Für mich war dieser Sommer vorerst der letzte in der alten Heimat, mein Freundeskreis zerstreute sich nach der Schule in die verschiedensten Himmelsrichtungen und auch mich wird es nach meiner Rückkehr nicht nach Hause sondern in eine neue Stadt zum Studieren ziehen. Ich nutze die mir bleibende Zeit um noch laufenden Projekte bestmöglich zu beenden, teilte sie mit Freunden und Familie. Weniger mit mir und meinen Gedanken an das Kommende. KulturLife gab mir auf dem Vorbereitungstreffen die Worte "Nur wer die alten Ufer loslässt kann die neuen entdecken" mit auf den Weg. Und ich nahm sie mir zu Herzen. Damit stand der Sommer weniger im Zeichen des vorbereiteten Aufbruchs, vielmehr des Abschiedes und des Auskosten des Augenblickes. Und so flog ich dann Ende August an das andere Ende der Welt, doch ein bisschen überrascht als ich dann schließlich im Flugzeug saß. Ich würde wieder zur Schule gehen. Chinesisch lernen. Einmal monatlich einen Bericht schreiben. Das wusste ich, das wurde mir gesagt. Was ich aber wirklich in China wollte, war zu dem Zeitpunkt für mich noch eine große Frage (und ich bin immer noch gespannt, was dieses Jahr bringen wird). Schon immer faszinierte mich die ferne, chinesische Kunst und Kaligrafie, alles was ich bisher vom Reich der Mitte gehört hatte. Wie wollte ich das Jahr gestalten? Anfangs beschäftigte mich die Frage nur im Untergrund - viel zu sehr brannte ich darauf möglichst viel zu sehen, zu erleben - doch umso mehr ich mich einlebte umso intensiver kreisten meine Gedanken. Ich begriff mit der Zeit vieles. China war so viel mehr, dieses Stipendium ein Privileg. Ich bekam zu spüren, wie wenig ich eigentlich wusste. Wie unglaublich viel es noch zu lernen und erfahren gab. Bekam Impulse aus verschiedensten Richtungen, brauchte viel Zeit für mich zum Reflektieren, Verstehen. Und ich versuchte Ideen zu entwickeln, um meine Erfahrungen und Erlebnisse, meine Zeit hier auch für andere nutzbar zu machen. Ich landete inmitten einer gigantischen Stadt von mir bisher unbekannter Größe. Trotz der Ungewissheit im Bauch beflügelt von einem Gefühl zwischen "ausgezogen - allein - frei - eigenverantwortlich" und dem Drang, eine Stadt mit all ihren Menschenlebens-, Kultur- und Geschichtsgeschichten kennen zu lernen. Überwältigt des ersten Sehens, Hörens, Schmeckens, Riechens und Fühlens Beijings. Ich sehe chinesische Kinder (die mich ansehen, als wäre ich mindestens eine Außerirdische), gemütliche Alte, Straßenfeger, Uniformierte, laute Taxifahrer, aufdringliche Rikschafahrer, noch zappelnde Skorpion auf dem Spieß - Verkäufer,...traditionelle Hutongs, westliche Einkaufsstraßen mit Kentucky Fried Chicken, Märkte mit Larven, Mäusen und Seesternen, ein Verkehrschaos. Höre Lärm, konsequent. Hupende Autos und Taxis, klingelnde Fahrräder, schreiende Menschen, Radio- und Straßenmusik. Die Luft ist voller Kommunikation auf den verschiedensten akustischen Wegen, dazu natürlich die Sprache. Sie klingt noch so furchtbar schön fremd, sie ist einfach singend und anders. Die chinesische Radiowerbung in den Taxis ist gelegentlich ein wenig Nerven raubend, aber gehört zu dem Taxi. Wie die ganze Prozedur des Heranwinkens, Zielverständlichmachens, Wegerklärens. Sowie der Tatsache, dass der Gast stets von der rechten Seite einsteigen muss, die hintere linke Autotür ist verschlossen. Und es riecht nach bisher aus Deutschland bekannten chinesischen Restaurants. Nach Frittierfett, unbekannten Gewürzen, den Verkaufständen und -wagen auf den Straßen. Und nach Abgasen. Nach Großstadt. Das chinesische Essen ist schwer vergleichbar mit dem in Deutschland erhältlichen. In Beijing selbst kann man alles bekommen, von Bad Schwartauer Himbeermarmelade über Baguette zu Schokolade von Lindt. Wer das gewohnte Essen also zu sehr vermissen sollte, wird fündig. Ansonsten ist die Chinesische Küche so wunderbar abwechslungsreich an Gemüse- und Fleischgerichten, dass für jede/n etwas dabei sein sollte. Tipps bezüglich dessen zu geben ist viel zu schwierig, so unterschiedlich ist doch der Geschmack. Ich habe in meinem ersten Monat hier fast jegliche Scheu abgelegt und nahezu alles mir Angebotene probiert. Was ich auch jeder/m empfehlen würde. Denn gebratene Skorpione schmecken schlichtweg salzig und knusprig, je mehr wir die Scheu vor dem Probieren ablegen umso mehr werden wir letztendlich erfahren und mitnehmen. Ja, und wie fühlt sich Beijing an? Nach der einen Woche Quarantäne aufgrund der Schweinegrippe wurde ich sehr freundlich im Internat der Capital Normal University attached High School aufgenommen. Meine Mitbewohnerinnen wurden zu kleinen Schwestern, eine 15 jährige Koreanerin und ein 14 jähriges Mädchen aus Malaysia. Ich helfe bei Englischhausaufgaben, tröste bei Heimweh. Nachsichtig erklären sie mir dafür die Nutzung chinesischer Waschmaschinen, bestaunen Familienphotos, sind belustigt von meiner Faszination für die vielen kleinen, für mich neuen Dinge. Das Internat ist ein bunter Mix aus Korea, Malaysia, Kasachstan, Russland und der Mongolei, im Alter von 14 bis 19. In diesem Jahr kamen wir zwei Deutsche hinzu und ein Spanier. Es macht Spaß mit diesen Menschen so verschiedener Herkunft zusammenzuleben, die kulturellen Unterschiede zu entdecken. Aber viel mehr auch wieder zu der Erkenntnis zu gelangen, dass uns Jugendliche egal welcher Nationalität eigentlich überhaupt nichts trennt. Jeden Tag von 8 Uhr bis 15 Uhr habe ich nun Unterricht in Chinesisch, als absolute Anfängerin. Es war auch eine Herausforderung für die Lehrer, welche zum Teil nur ein paar Brocken English sprechen konnten. So versuchte ich vielmehr Chinesisch auf Chinesisch zu lernen, was gelegentlich doch sehr anstrengend und frustrierend war. Nach der ersten Woche verstand ich schon mehr, der eigentümliche Singsang der Sprache schien sich in erste Worte aufzulösen. Mittlerweile genieß ich den Unterricht sehr, kann schon den chinesischen Text zur Bruder Jakob Melodie singen. Mein eigenes chinesisches 13. Schuljahr bringt jeden Tag Neues, viel zu anders sind Umwelt und Menschen, um irgendwo Langeweile aufkommen zu lassen. Zu den Mahlzeiten setze ich mich an fremde Tische zu chinesischen Schülern falls ich keine schon bekannten Gesichter entdecken sollte. Und frage, lass mir erzählen, lass mich ausfragen. Es sind interessante Geschichten, von den Cambridge- und Harvard-Träumen der hart arbeitenden High School Schüler, über Einstellungen, Vorurteile. Weltbilder werden ausgetauscht, von den zwei verschiedenen Enden der Erde. Probiere meine ersten chinesischen Sätze aus, werde für blonde Haare und blaue Augen bestaunt. Neben dem Sprachunterricht unterstütze ich mit meiner Querflöte den Musical Club, lerne Afrikanisches Trommeln, Fotografiere für den Foto Club. Gemeinsam mit den chinesischen Schülern, lebe mich immer weiter ein, bekomme ein Gefühl für die Laute, Worte, ersten Sätze, langsamen Dialoge. Doch umso mehr ich mich in den Schulalltag eingewöhnte umso mehr Zeit hatte ich auch mich mit dem Leben außerhalb zu beschäftigen. Gemeinsam mit einer chinesischen Studentin wanderte ich am Wochenende durch einen der vielen Stadtparks, reihte mich dort ein in eine Gruppe von Frauen die ihre Morgenübungen praktizierten, tanzte mit einem uralten Chinesen einen traditionellen Paartanz, genoss Straßenmusik. Probierte mein Chinesisch wann immer sich irgendwo geduldige Ohren fanden. Kam ins Gespräch mit anderen ausländischen Studenten und Touristen, über das woher und wohin, Empfehlungen und Eindrücke. Wir schlenderten über Flohmärkte, ich stellte Fragen über Fragen, wollte die Geschichte hören zu all den alten Dingen, Zeugen einer so faszinierenden, so anderen, so viel älteren Kultur. Ich möchte in China mehr lernen als Chinesisch, mehr sehen als die Schule und die Große Mauer. Denn China ist wunderbar viel mehr als das. So stehe ich am Ende meines ersten Monats in dieser neuen Welt, die ich nicht so schnell wieder verlassen möchte. In dieser ersten Zeit habe ich mich orientiert, gelernt mich zurechtzufinden. Nun suche ich nach meinen Aufgaben. Die Partnerorganisation von KulturLife wird mir helfen während der langen Winterpause Arbeit zu finden, im sozialen Bereich oder als Englischlehrerin an einer Grundschule. Weiteres wird sich auf dem Weg ergeben, ich freu mich auf jeden neuen Tag. Selbstverständlich sehne ich mich selten (aber manchmal) zurück an die Ostsee, doch nie aus Einsamkeit oder Langeweile. Schon dieser erste Monat hat mir so viel gegeben, dass ich bereits jetzt ahne, dass mir sehr viele Dinge fehlen werden, sobald ich irgendwann wieder in Europa lande... Heidi Oktober 09
Aber abgesehen von politischen Denkanstößen gab es für mich in diesen Tagen auch sehr viel Kulturelles zu erfahren. Denn ich lebte für die Ferien in einer chinesischen Familie - bei einer Studentin und ihren Großeltern. Neben dem wunderbaren Gefühl wieder in einer Familie aufgefangen zu sein, lernte ich vieles über Chinesische Tradition und das "wirkliche" chinesische Leben außerhalb meines internationalen Internatsflurs, über die Wichtigkeit des Heiratens bis hin zu Altersvorsorge. Dabei hatte ich das Glück, dass meine Gastschwester sehr gut Englisch sprechen und so unheimlich viel erklären, Fragen beantworten konnte. Ich durfte mit der Großmutter kochen, konnte sogar selbst eine ganze Mahlzeit zubereiten. Und habe mich schließlich noch mehr in das Chinesische Essen verliebt. Durch Ausflüge mit meiner Gastschwester bekam ich noch mehr Ecken von Beijing zusehen, bestaunte im Beijing Zoo sowohl den faulen Pandabären als auch die begeisterte Menge Chinesen, ihr Lieblingstier von allen Seiten fotografierend. Und lernte nun die Bruder-Jakob-Melodie auch auf dem traditionellen Gu Zheng spielen. Außerdem durfte ich nach einem Monat in Beijing die für mich so ungewohnt gigantische Stadt endlich mal aus einiger Entfernung betrachten. Wir sind in die umliegenden Berge gefahren, haben eine befreundete Familie besucht, bei der Apfelernte geholfen. Zwar hatte ich doch schon einige Parks in Beijings selbst entdeckt, doch tat es gut wieder ein wenig mehr Natur zu fühlen. Und natürlich vergingen die Ferien viel zu schnell. Am ersten Tag zurück in der Schule wurde ein Sportfest abgehalten, jede/r musste in drei Disziplinen teilnehmen, hauptsächlich Leichtathletik. Das Spannende war weniger der Wettkampf sondern vielmehr die Eröffnungsveranstaltung. Jeder Jahrgang marschierte im Gleichschritt auf, in ihren Uniformen. Die chinesischen Schuluniformen sind wie Jogginganzüge geschnitten, haben verschiedene Farben und Embleme, abhängig von Schule und Jahrgangsstufe. Die chinesische Flagge wurde feierlich gehisst, die einzelnen Paraden führten noch Tänze oder Turnübungen vor. Auch wir vom International Department mussten aufmarschieren, unsere jeweilige Flagge tragend. Vorgeführt wurde von uns allerdings nichts. Die Lehrer waren doch erleichtert, dass wir zumindest fähig waren uns in einer Gruppe gesammelt fortzubewegen - die Disziplin der Chinesen ist beeindruckend.
Auch dort traf ich auf viele neue Menschen, auch einige ausländische Studenten. Es ist immer wieder eine lustige Situation, "Overseas" auf der Straße zu begegnen. Es ist so offensichtlich: Ein Blick in nicht schwarze oder dunkelbraune Augen, keine schwarzen Haare, meistens dann ein breites Grinsen und bei Zeit noch die Frage nach dem woher und wohin. So traf ich auf eine britische Journalistin, eine amerikanische Auswandererfamilie,...Unser so anderes Aussehen ist eine wunderbare Möglichkeit, schnell Kontakt zu finden - doch unabhängig davon wie gut mein Chinesisch irgendwann sein wird, eine Ausländerin werde ich trotzdem immer bleiben. Eure Heidi November 09
Die allgemeine Schweinegrippehysterie hatte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht gelegt, ein Mundschutz war an jeder Ecke erhältlich, manchmal mit ganz kreativen Aufdrucken wie ein durchgestrichenes "H1N1". Sowieso wurde beim Betreten der Schule die Temperatur kontrolliert, im Internat lebende Schüler sollten eigentlich jeden Tag die Werte in ein Formblatt eintragen und Ende des Monats abgeben. Eine sinnlose Bürokratie, denn uns wurden die Zettel wie auch schon im Oktober erst eine Woche vor Monatsende ausgehändigt. Und die Lehrer wiesen uns an, einfach einigermaßen realistische Werte frei einzutragen. Nun war ich also krank, bat die Lehrer, mich ein paar Tage ausruhen zu dürfen. Durch meine Grippesymptome wurde ich nach langer Diskussion dann allerdings doch ins Krankenhaus bestellt, gemeinsam mit zwei Betreuerinnen von der chinesischen Partnerorganisation. Eigenständige Arztpraxen scheinen hier weniger verbreitet zu sein, jedes Problem wird im Krankenhaus behandelt. Dementsprechend mussten wir lange warten, um schließlich festzustellen, dass mein Bargeld nicht ausreichte um mich einem Arzt vorstellen zu lassen. Aber für den 7,80 € - Schweinegrippetest hat es immerhin noch gereicht. Nach weiterem, müdem Warten im Krankenhausflur auf das Testergebnis bekam ich schließlich die präzise Angabe ich hätte "almost H1N1". Ein Schulterzucken der Krankenschwester, ein Schulterzucken der Betreuerinnen. Ich hätte jetzt die Wahl zwischen Internat und Grippekrankenhaus. Schließlich bin ich zurück ins Internat, mit meiner aus Deutschland mitgebrachten Medizin und einfach einem unglaublichen Schlafbedürfnis. Doch auch dabei blieb es nicht lange, denn die Partnerorganisation meinte es besonders gut und ließ mich in ihr Büro kommen, "to have a better rest". So verbrachte ich die nächste Woche auf einem ausgezogenen Ecksofa in einem chinesischen Großraumbüro, verpflegt mit heißem Wasser und Bananen, die Nächte in der Familie meines Guardians. Als es mir dann wieder besser ging, begleitete ich sie zu einem regionalen Fischmarkt. Zum Krabbenkaufen. Mitte November ist die beste Zeit für diese speziellen chinesischen Krabben, sie gelten als Delikatesse. Es war ein schaurig-interessanter Anblick, die Körbe lebendiger, nach Freiheit strampelnder Krabben, die ganzen oder in ihre Einzelteile zerlegten Fische, Schildkröten und andere Wassertiere. Und die zugehörigen schreienden und feilschenden chinesischen Verkäufer. Den Kofferraum voller noch krabbelnder Krabben sind wir dann zu Hause angekommen, lebendig wurden sie gekocht, am Tisch die Panzer aufgebrochen und das Fleisch herausgestochert. Eine Delikatesse, also. Der letzte Teil des Novembers, welchen ich dann wieder gesund im Internat verbrachte, wurde recht bunt durch viele kleine Unternehmungen. Gemeinsam mit einem Schulfreund und zwei angehenden Englischlehrerinnen einer anderen Uni sind wir wieder in die Berge gefahren. Zudem musste ich mir ein neues Handy kaufen, was wie bei jedem Kauf, als Ausländer ungemein schwierig ist. Ich bin noch unsicher, wie wir uns als Austauschschüler beim Einkaufen am besten geben sollten. Ohne Schuluniform werden wir als Touristen abgestempelt und getrickst. Mit Schuluniform werden wir zwar als "mehr chinesisch" anerkannt, mit der gleichzeitigen Erwartung von mehr Sprachkenntnissen. Dadurch dass wir aber trotzdem so gut wie nicht handeln konnten, hoffnungslos auf Chinesisch zugequatscht wurden, zahlten wir am Ende auch wieder weitaus mehr als Einheimische es getan hätten. So gerne ich doch unabhängiger wäre, beim Einkaufen auf Märkten oder von teureren Gegenständen sollte doch immer ein Chinese dabei sein. Ebenfalls versuchte ich das erste Mal, etwas mehr als nur einen Brief in die Heimat zu schicken. Eine Odyssee. Denn es gibt verschiedene Arten von Postbüros, wie ich erfahren durfte. Jenes, welches bisher alle meine Briefe angenommen hatte, streikte bei einem kleinen Päckchen. Die darauf folgende Wegbeschreibung zum nächst größeren Postbüro verstand ich nicht, fragte mich aber durch und schließlich erbarmte sich sogar ein Student, begleitete mich und half zu übersetzen. Am Schalter musste ich schließlich mein Päckchen wieder öffnen, allen Kleinkram hervorholen, vom Postbeamten überprüfen lassen. Dieser stopfte es dann recht lieblos in einen Einheitskarton der China Post, versiegelte es und gab mir einen Stoß Papiere zum Ausfüllen. Mit Hilfe des Studenten kämpfte ich mich durch alle Angaben, von Inhalt über Gewicht jedes einzelnen Teils und Wert musste alles genau aufgeschrieben werden. Bezahlt, Stempel bekommen. Müde verließen wir nach über einer Stunde dann das Postbüro, ich unheimlich dankbar für die mir so bereitwillig angebotene Hilfe und Geduld. Das Päckchen hat es schließlich bis nach Deutschland geschafft, wurde allerdings vom Zoll abgefangen und musste dort ausgelöst werden. Irgendeine Angabe schienen wir doch vergessen zu haben. Heidi Dezember 09Ein eindrucksvoller Dezember war das. Mit vielen Erlebnissen, chinesischen und internationalen Begegnungen, einem unweihnachtlichen Weihnachten und dem auf dem Vorbereitungsseminar bereits vorhergesagten Motivationsloch.
Auch machte ich mich Heiligabend auf zur Internationalen Gemeinde, um einen Weihnachtsgottesdienst zu feiern, gemeinsam mit Menschen aus aller Welt, die es hierher gezogen hatte. Es ist immer wieder spannend die ganzen Geschichten des "Wohers" und "Wohins" zu hören. Es besteht eine wundersame Verbundenheit zwischen denen, die halt "nicht chinesisch" aussehen. Die lustigste Situation hatte ich einmal mit einem Afro-Amerikaner, der mich an der Supermarktkasse begrüßte, als seien wir selbstverständlich Freunde - sind ja schließlich beide Fremde. In Beijing selbst habe ich auch in diesem Monat wieder neue Ecken entdeckt. So waren wir im Beihai Park, wanderten durch die Hutongs, bestiegen den Glockenturm. Auch traute ich mich zum Frisör (für umgerechnet 1 €), in der Hoffnung richtig verstanden zu werden. Wurde ich, dafür aber auch wieder ausgefragt. Ich rede gerne mit den Menschen, zum einen um meine paar Brocken Chinesisch auszuprobieren, zum anderen, weil mich das Interesse ehrlich freut. Das Interesse an Ausländern, an Neuem, an unserer Kultur, an Deutschland. Und auch um Bilder gerade zu rücken. Zu versichern, dass die Mauer wirklich gefallen ist. Zu betonen, dass wir uns nicht mehr mit "Heil Hitler" begrüßen. Zu berichten, dass es tatsächlich auch in Deutschland Obdachlose gibt. Ich bin auf Chinesen mit sehr komplexem Wissen über deutsche und europäische Geschichte getroffen, allerdings auch schon auf einige, in deren Vorstellung unsere Welt vor 60 Jahren stehen geblieben zu sein scheint. Der Unterricht war der gleichbleibend mühsame Versuch der Lehrer, widerspenstige europäische Köpfe aufnahmefähig zu machen für ihre Sprache. Allerdings wurde in diesem Monat auch eine neue Unterrichtsmethode ausprobiert: Singen.
Und ich sang es noch ein letztes Mal, diesmal allein, vor einer Schar neugieriger Studenten. Eine Freundin hatte mich zur Weihnachtsfeier des "English Clubs" ihrer Uni eingeladen. Eine lustig große Runde, viele kleine Vorführungen der Studenten, für einen Englischclub unerwarteterweise alle auf Chinesisch. Bis mich die Moderation dann irgendwann entdeckte. So sang ich wieder, bekam Applaus, im nachhinein viele interessierte Fragen - und eine Weihnachtsmannmütze.
Januar 2010Abgesehen von unserer morgendlichen internationalen Silvesterparty, wurde "unser" Neujahr nicht weiter gefeiert. Die Internatsregeln und Ausgangszeiten machten auch an diesem Tag keine Ausnahmen. So waren wir um 22 Uhr wieder in unseren Räumen, spielten Schach bis Mitternacht, um den Beginn des neuen Jahres wenigstens nicht zu verschlafen. Aufgrund der Zeitverschiebung hatten wir schon sieben Stunden von 2010 hinter uns, als in Deutschland vermutlich grade angestoßen wurde. Wir stellten uns den Wecker auf 7, die Neujahrsgrüße kamen also pünktlich an, anschließend besuchte ich mit ein paar chinesischen Studenten den Park der Minderheiten in Beijing. Ein großes Gelände, auf dem jede der 56 Minderheiten Chinas ihre Kultur, Tradition und teilweise auch Geschichte vorstellt. Wir wanderten unter tibetischen Gebetsfahnen lang, an einem Nachbau der Portala aus Lhasa vorbei. Sie erzählten mir von den Miao, Li, Wei, Hui…ich konnte mir weder alle Namen noch alle Besonderheiten merken, doch ich sah viele, viele Bilder, Modelle, Trachten, Instrumente. Was blieb, war eine leise Ahnung der kulturellen Vielfalt und der für mich noch immer schwer vorstellbaren Größe dieses Landes. Und die Gewissheit, dass ich am Ende des Austauschjahres vielleicht behaupten darf, einen Teil Beijings kennen gelernt zu haben, dass mir aber China als Heimat von mehr als 1300 Millionen Menschen aus den verschiedensten Kulturen doch immer noch unbekannt ist.
An dem noch verbliebenen Ferientag ging ich gemeinsam mit Mitschülern Snowboarden, in der Nähe von Beijing war ein Berg mit künstlichem Schnee präpariert worden. Überrascht hat mich das einzige, den Alpenhütten nicht nur nachempfundenen, eigentlich perfekt kopierte Restaurant. Wir hätten genauso gut in Bayern oder Österreich sein können, nur dass dort nicht fast ausschließlich Chinesen an den Holztischen mit blau-weiß karierten Tischdecken sitzen, unter Fotos und Pistenplänen der Alpen, neben der Dekoration aus alten Skis und Bierkrügen. Ein sehr lustiges Bild. Schließlich begann der Unterricht wieder, die letzten drei Wochen von unserem ersten Semester. Die Lehrer fingen an, uns auf die Semesterabschlussprüfungen vorzubereiten. Wir lernten unter anderem hilfreiche Wörter zu schreiben wie "das Geräusch, welches ein Wassertropfen verursacht, wenn er vom Berg fällt" ( dingdong ). Nach viereinhalb Monaten Sprachunterricht ohne Vorkenntnisse konnten wir nun schon die einfachsten Dinge verstehen, schreiben oder sprechen. Uns und unsere Familien vorstellen. Sagen, wohin wir gehen. Obst und Gemüse kaufen. Den Weg beschreiben und nach dem Weg fragen. Über Hobbies reden. Erklären, was wir mögen und was nicht. Ich habe nicht das Gefühl, Chinesisch sonderlich schnell zu lernen. Meine Aussprache ist noch zu schlecht, und ich verstehe außerhalb der Schule um mich herum Gesprochenes meistens nur vage. Trotzdem waren die Abschlussprüfungen eine Gelegenheit zu sehen, DASS wir zumindest einiges gelernt hatten, und dass dieses Gelernte schon recht umfangreich ist. Trotzdem bestellte ich in dem kleinen Restaurant, in dem wir für gewöhnlich an den Wochenenden oder abends aßen, immer wieder die gleichen Gerichte, da ich nur einen kleinen Teil der Speisekarte verstand und nicht die Geduld hatte, alles mühsam nachzuschlagen. Nach diesen vier Monaten gehörten wir aber quasi schon zum Laden dazu, daher hatte die Besitzerin eine Karte mit handgeschriebenen englischen Untertiteln extra für uns eingeführt.
Schließlich waren die Prüfungen und das erste Semester vorbei. Bevor die Ferien begannen, gab es eine Abschlussveranstaltung, die alle internationalen Schüler der Schule versammelte. Eine ähnliche hatte es auch zu Beginn des Semesters gegeben. Damals wurden mir alle Ansprachen und Belehrungen von meinem Nachbarn übersetzt. Diesmal verstand ich bei weitem nicht alles, aber doch das Grundlegende, was uns die Lehrer mit auf den Weg gaben. Ich nahm den Preis von Beijing für unseren Gesang im vergangenen Monat entgegen und eine Auszeichnung als "gute Studentin". So ist für mich Halbzeit, die Ferien und ein weiteres Semester liegen noch vor mir. Und trotzdem kommt es mir vor, als wäre ich gerade erst angekommen. Ich habe in den vergangenen fünf Monaten zwar unheimlich viel erlebt und gelernt, doch verging die Zeit gefühlt sehr schnell, fast zu schnell. Ich freue mich auf die kommenden Monate, den Frühling, den Sommer. Auf mehr Entdeckungen in Beijing, wieder neue Aufgaben und vor allem auf die Menschen, die ich noch kennen lernen werde. Denen ich dann vielleicht nicht nur auf Chinesisch vorsingen, sondern auch noch mehr erzählen kann. Februar 10
Ferien bedeuten jedoch für viele chinesische Schüler keineswegs Freizeit. So erhielt meine Gastschwester für zwei Wochen an einer Privatschule zusätzlichen Englischunterricht, die verbleibende Zeit kämpfte sie sich durch Hausaufgabenberge, wie ich sie in Deutschland nie gesehen habe. Aber es ist doch ganz einfach, erklärt sie mir, bei so vielen Schülern, die eine gute Ausbildung haben möchten, muss man sein Möglichstes tun, noch ein wenig besser zu sein. Es reicht nicht aus, einfach nur "gut" zu sein, den Anforderungen gerecht zu werden. So werden Aufbaukurse belegt, zusätzliches Physik- und Chemiewissen angeeignet, was vermutlich nie im Schulunterricht abgefragt wird, aber eventuell für einen besseren Studienplatz qualifiziert. Mit uns internationalen Schülern wurde behutsamer umgegangen, unsere Aufgabe während der Ferien bestand lediglich darin, soviel Chinesisch zu hören und zu sprechen wie nur möglich. Und das tat ich gern. Denn gerade nach den Semesterprüfungen wurde mir bewusst, wie viel ich nach 5 Monaten Sprachunterricht schreiben und lesen konnte, wie wenig ich mich aber letztendlich traute auszusprechen. Im Internat selbst hatte ich dazu abgesehen vom Unterricht selbst wenig Möglichkeit, zu international war doch das Umfeld und ach wie viel einfach ist es doch, seine Gedanken in Englisch zu artikulieren.
Die Dinge haben zwei Seiten. Deutschlands gute Seite ist, dass die Gebäude einem das Gefühl geben können, Jahrhunderte in der Zeit zurückgereist zu sein. Chinas Häuser halten maximal dreißig Jahre, dann gibt es neue. Die Kultur werde platt gewalzt, anders in Europa, so Yuan. Ein anderer, positiver Aspekt seien die hilfsbereiten und freundlichen Menschen, sie erzählt von Beispielen wie den alten Nachbarn ihrer Mutter, oder dem Mann der beim Koffertragen hilft. Die schlechte Seite? Punks. Sie sind gruselig, geben Angst, attackiert zu werden. Und Verkäufer, die alte Menschen ausnehmen, sie erzählt von der Nachbarin mit dem Blumen- und Fotoproblemen.
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